KREATIVITÄT – Der kreative Prozess

Liebe Leser_innen,

gerade gestern hatte ich wieder ein Telefongespräch mit einer Freundin die sagte: „Irgendwie stecke ich gerade fest: Kreativitätsblockade oder so“. Auf meine Frage, in welchem Stadium des kreativen Prozesses sie sich gerade befindet ward erstmal Schweigen.

In meinen Seminaren erlebe ich oftmals ähnliches. Die Teilnehmer arbeiten an einem Thema, z.B. ihren Zielen, ihrer Berufung, ihrem persönlichen USP oder ihrer Motivation; sie setzen sich mit sich auseinander, gehen in die Tiefe, sammeln Eindrücke und Informationen, und hoffen dann natürlich – schließlich haben sie ja bezahlt – mit konkreten Ergebnissen nach Hause zu gehen. In der Regel tun sie das auch. Ihre Ziele konkretisieren sich, sie wissen worin ihre Motivation begründet ist, haben ein Bild, ein Gefühl für ihre Berufung oder ihren USP – oder Kernwirkungssatz in der Tasche … und doch dauert es … manchmal ein paar Tage, manchmal Wochen bis all das seine ganze Wirkung entfaltet, bis ein tiefes Bewusstsein für das Erfahrene einsetzt, bis sich jeder einzelne Schritt klar darstellt, bis für die Umsetzung des einen oder anderen sich neue Ideen auftun. Und, mit jeder neuen Idee beginnt abermals eine neuer kreativer Prozess.

Gerade Künstler, Kulturschaffende, Selbständige und Führungskräfte, Menschen, die mit anderen Menschen zusammen arbeiten, befinden sich ständig in kreativen Prozessen; ganz gleich ob beim Schreiben, Komponieren, bei der Zusammenstellung eines neuen Teams, der Entwicklung einer Website oder eines neuen Slogans, der Planung eines Projektes oder der Vorbereitung auf einen wichtigen Termin, der Jahresplanung oder der gesamten Gestaltung unseres Lebens. Wir streben nach Erneuerung und Erweiterung, hoffen auf  „zündende Ideen“ und werden auch oftmals von „Außen“, der aktuellen Marktlage, dem nächsten Auftrag, dem Wirken der Konkurrenz u.v.m. angetrieben. Viele von uns erleben dies dann als (unangenehmen) Druck – gerade in den Phasen des (scheinbaren) Stillstandes.

Dabei ist gerade diese Phase unbedingt not-wendig für den kreativen Prozess, den kreativen Ausdruck … und meist wissen wir recht wenig über den Ablauf dieses Prozesses und zermürben uns dann in diesen Phasen mit Selbstzweifeln (was wiederum gar nicht not-wenig ist, wir können diese so wichtige Phase auch einfach genießen ;-)).

In den nächsten Zeit werde ich auf diesem Blog einige Beiträge zum Thema „Kreativität“ veröffentlichen – um dem einen oder der anderen (hoffentlich) das freudige, kreative Schaffen ein wenig zu versüßen.

DER KREATIVE PROZESS nach Mihaly Csikszentmihalyi

Kreativität ist mehr als ein „Gedankenblitz“ der dann umgehend Gestalt annimmt und in die Geschichte eingeht. Wie wir wissen ist es

[…]leichter, Kreativität durch eine Veränderung äußerer Bedinungen zu fördern als durch den Versuch, das Individuum zu kreativerem Denken anzuregen. Und eine wahrhaft kreative Errungenschaft ist so gut wie nie das Ergebnis einer schlagartigen Erkenntnis, eines plötzlich auftauchenden Lichtes in der Dunkelheit, sondern das Resultat jahrelanger harter Arbeit.[…] (S. 9 Kreativität – Wie Sie das unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden, Mihaly Csikszentmihalyi)

Der kreative Prozess kann in fünf Phasen definiert werden:

Vorbereitungsphase: das ist die Zeit in der wir uns bewusst oder unbewusst mit einem Problem, einer Herausforderung beschäftigen, weil unser Interesse oder unsere Neugier geweckt ist, oder weil eine zu lösende Fragestellung an uns heran getragen wird. „So, du machst dich also Selbständig. Als was denn genau? Wie wirbst du für dich? Was ist deiner Zielgruppe? usw.“ Die Zeit in der wir Informationen sammeln.

Inkubations – oder Reifungsphase: hier sortieren sich die angesammelten Informationen in unserem Unbewussten. Die Gedanken bewegen sich frei und ziellos in unserem Kopf und haben so die Möglichkeit neue und unerwartete Verknüpfungen zu bilden. Es ist eine Zeit, die wir, bezogen auf das Problem, oftmals als Zeit des Nichttuns, gar als Zeit des Stillstandes erleben. Vertraut mit den Phasen des kreativen Prozesses können wird diese Zeit bewusst gestalten in dem wir z.B. nach der Zeit des Sammelns in den Urlaub fahren, oder ein Thema bewusst eine zeitlang „links liegen lassen“ und uns einer gänzlich anderen Beschäftigung zuwenden.

Einsicht oder „Aha-Erlebnis“: das ist jener Moment in dem die, aus den neuen und unerwarteten Verknüpfungen gebildeten, Ideen aus dem Unbewussten an die Oberfläche treten. Wir haben eine Idee, einen Erkenntnissblitz. Das berühmte „Ich hab’s“ von Wicki.

Bewertung: in dieser Phase sind wir aufgefordert unsere neue Erkenntnis/Idee zu überprüfen um zu entscheiden, ob diese wertvoll und lohnend ist. Dies geschieht über den Abgleich mit dem Wissen der Domäne und der verinnerlichten Meinung des Feldes. Hier können durchaus schon wohlwollende Außenstehende zu Rate gezogen werden.

Ausarbeitung: diese Phase dauert meist am längsten und erfordert die größte Anstrengung. Hier nimmt unsere Idee endlich „Form“ an“. Innerhalb dieser Phase können sich die einzelnen Schritte des Prozesses, bezogen auf die einzelnen Schritte der Ausarbeitung, wiederholen.

Dieses Prozess-Modell ist ein Anhaltspunkt wie ein kreativer Prozess in der Regel abläuft. Meist tritt diese Abfolge nicht in Reinkultur auf, sondern die einzelnen Phasen überschneiden sich, bzw. innerhalb der einzelnen Phasen läuft wiederum ,bezogen auf jede neue Fragestellung, ein kreativer Prozess ab.

Bei der Kinderserie Wicki ist dieser Prozess in jeder Folge deutlich zu beobachten. Zu Beginn stehen die Wikinger immer vor einem Problem mit dem sie sich beschäftigen. Eine Stadt will erobert werden, Gefangene müssen befreit werden oder das Wikingerschiff ist einer Gefahr ausgesetzt. Dann zieht Wicki sich zurück. Er geht spielen, oder spazieren oder er hilft seiner Mutter bei einer Tätigkeit im Haus. Meist ist er in dieser Phase ein wenig nieder geschlagen und zurück gezogen oder komplett mit „Anderem“ beschäftigt. Dann kommt sein berühmtes „Ich hab’s“ – und die Idee für eine Lösung ist geboren. Die Idee wird dann in der gesamten Wikinger Truppe besprochen und überprüft. Und wenn sie besteht – was bei Wicki immer der Fall ist, es handelt sich ja schließlich um Ideen von Wicki, der Titelfigur – dann wird sie umgesetzt. Die Umsetzung nimmt, zeitlich gesehen, immer den größten Teil einer Folge ein und da die Ideen immer „neu und ungewohnt“, also wahrlich kreativ, sind, verfolgen wir diese Phase gespannt bis zum Ende, da die Möglichkeit des Scheiterns immer gegeben ist – was bei Wicki so gut wie nie passiert.

Um diese, aufwendigste Phase der Ausarbeitung erfolgreich zu gestalten  – wir erinnern uns an die Definiton von Erfolg: Erfolg ist die Folge (=das handelnde Umsetzten) unserer Erkenntnisse (bezogen auf den USP, die Erkenntnisse über uns selbst, bezogen auf die Veräußerung, die des Feldes) auf der Grundlage unserer Ressourcen (bezogen auf den USP sind wir die Domäne, bezogen auf die Veräußerung die entsprechende Fachleute der Domäne) – lohnt es sich folgende Bedingungen zu berücksichtigen

aufmerksames Beobachten: der gesamten Ausarbeitung. Damit wir bemerken wann sich neue Ideen, Einsichten oder Problemstellungen aus der Entwicklung der Arbeit heraus ergeben. Dies erfordert eine anhaltende Offenheit und Flexibilität.

Ziele und Gefühle: Schreitet die Arbeit wie geplant voran? Weicht sie vom ursprünglichen Ziel ab oder ist sie im Einklang? Und immer wieder die Frage: „Ist es ein Weg mit Herz“? Fühlt sich der Ausarbeitungsprozess stimmig und gut an.

Kontakt mit dem Wissen der Domäne: um die effektivsten Techniken, umfassende Informationen und die besten Methoden und Theorien anwenden zu können ist der Kontakt mit dem Wissen der entsprechenden Domäne eine Grundvoraussetzung

Kontakt mit dem Feld: gerade in der Endphase der Ausarbeitung ist es unerlässlich den Kollegen des Feldes zuzuhören um u. U. Korrekturen vorzunehmen, die eigenen Ideen zu überarbeiten und auf den Punkt zu bringen und die erfolgversprechendste Darbietungsform zu finden.

Ich wünsche allen viel Freude in ihren kreativen Prozess … und genießt die Inkubationszeit ;-). Tanja Ries.

P.S. mehr Infos zur Domaine und dem Feld im nächsten Blog: Kreativität – ein systemisches Model

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Ein Gedanke zu “KREATIVITÄT – Der kreative Prozess

  1. Liebe Tanja,

    wie IMMER genial – DANKESCHÖN !!!

    Alles Liebe auch in deinen Prozessen,

    die Marion Selina ***

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