Ein Plädoyer für (Frei)Räume

Liebe Leser_innen,

ich freue mich sehr, dass zwei Artikel von mir im Fanzine der Musenstube erschienen sind. Alles darin dreht sich um Kreativität, Inspiration … und natürlich um Musen ;-); und dies in Form von Comics, Gedichten, Artikeln und viel schöner und inhaltsvoller Unterstützung der Musen-Fans. Zu beziehen gibt es das Fanzine direkt in der Musenstube und im Shop des JaJa-Verlag.

Hier für euch: Ein Plädoyer für (Frei)Räume – oder (etwas fachlicher ;-)): Die kürzeste Einführung in die U-Theorie.

Der Druck erhöht sich. Täglich. Gerade in der Kreativwirtschaft. „Sei kreativ! Schnell! Die Konkurrenz schläft nicht!“

Jede erbrachte Leistung soll noch kreativer sein, herausragend, eine Innovation darstellen. Davon leben wir. Damit leben wir. Darunter leiden wir. Wir brennen aus.

Wir wissen mittlerweile wie Kreativität funktioniert. Wir verfügen über kreative Methoden zur Steigerung unseres kreativen Outputs. Ja, auch Manager und Führungskräfte begeben sich mittlerweile regelmäßig in Kreativ-Trainings. Wir brauchen neue Lösungen, neue Ideen. Im Marketing. Für Produkte. Gesellschaftlich. Wir brauchen Erneuerung. Ständig.

Druck – zumindest ab einem gewissen Level – ist der Tod jeglicher Kreativität. Jeglicher Erneuerung. Sie braucht Zeit, Muße. Sie braucht Frei(Raum).

In den meisten Theorien die den kreativen Prozess abbilden haben wir, bevor dann das durchschlagende „Aha-Erlebnis“ uns ereilt, der sogenannte „Funke überspringt“ eine mehr oder weniger lange Inkubations- oder Reifungsphase. Sie folgt der Phase der Vorbereitung. Die Zeit, in der wir uns bewusst oder unbewusst mit einem Problem, einer Herausforderung beschäftigen, weil unser Interesse oder unsere Neugier geweckt ist, oder weil eine zu lösende Fragestellung an uns heran getragen wird. In dieser Phase sieht jeder, dass wir arbeiten, dass wir tätig sind. Ebenso in den Phasen der Bewertung und der Ausarbeitung die dem „Aha-Erlebnis“ folgen. Wir wuseln durch die Gegend, schwingen den Stift oder Pinsel, lassen die Tasten und Saiten erklingen, sind in Kommunikation, kurz: in Bewegung. In sichtbarer Bewegung.

Doch was passiert eigentlich in der Inkubations- oder Reifungsphase?

Offensichtlich: Nichts.

„Die Kreativen wieder“, höre ich es schon rufen … von der Nachbarin, die, die ganz gut in mein Arbeitszimmer schauen kann, und die mich fast vorwurfsvoll anzublicken scheint wenn ich kurz zum Schreibtisch gehe um die Blumen dort zu gießen. Meine einzige Begegnung mit dem Schreibtisch heute. Die Müllmänner grinsen verächtlich wenn ich ihnen im Morgengrauen begegne. Sie, auf Arbeit, ich komme gerade von einem nächtlichen Spaziergang nach hause. Das mache ich eben manchmal. Ich ziehe die Vorhänge zu um ungestört Löcher in die Wand gucken zu können. Tagelang. Das fällt ja auch wieder auf. Am Besten ich fahre weg. Irgendwohin, wo alles ganz anders ist. Das Essen, die Gerüche und die Farben am Himmel. Der Klang. Wo ich niemanden kenne. „Klar, nix machen aber dauernd in Urlaub fahren können während unsereins sich hier einen abrackert.“

„Ich bin tätig. Ich gebe meinem Unbewussten den Raum den es braucht um die angesammelten Informationen zu sortieren. Meine Gedanken bewegen sich frei und ziellos in meinem Kopf und haben so die Möglichkeit neue und unerwartete Verknüpfungen zu bilden. Es mag so scheinen als stände ich still. Doch gerade das ist meine größte momentane Herausforderung. Meiner inneren Bewegung, die zugegebenermaßen ab und an unsichtbar scheint, ihren notwendigen (damit die Not sich wenden kann) Freiraum zu gewähren. Damit ich sie nicht störe, oder sie sich gar beobachtet oder unter Druck gesetzt fühlt tue ich, also oberflächlich betrachtet, was ganz anderes. In ihren Augen vielleicht nichts. Kennen Sie Wicki? Zu Beginn jeder Folge stehen die Wikinger immer vor einem Problem mit dem sie sich beschäftigen. Eine Stadt will erobert werden, Gefangene müssen befreit werden oder das Wikingerschiff ist einer Gefahr ausgesetzt. Dann zieht Wicki sich zurück. Er geht spielen, oder spazieren oder er hilft seiner Mutter bei einer Tätigkeit im Haus. Meist ist er in dieser Phase ein wenig zurück gezogen oder komplett mit „Anderem“ beschäftigt. Dann kommt sein berühmtes „Ich hab’s“ – und die Idee für eine Lösung ist geboren. Würden Sie auf die Idee kommen Wicki auf einen Stuhl zu setzten und zu sagen: So, nu denk dir mal eine deiner tollen Ideen aus? Würden Sie ihn vom spielen abhalten? Nein? Also. Irgendwie bin ich eben wie Wicki.“

Der Aktionsforscher Otto Scharmer hat mit der U-Theorie „Presencing (= anwesend sein) – Von der Zukunft her Führen“ eine anschauliche Prozessdarstellung von Veränderungsprozessen entwickelt, welche die Aufmerksamkeit, im Gegensatz zu anderen Modellen (im Change Management), auf eben diesen Freiraum legt.

Dieser Prozess lässt sich im gesamten Bereich künstlerischen, kreativen Schaffens erkennen und ist gleichzeitig übertragbar auf den Veränderungs – und Erweiterungsprozess des Einzelnen, wie auch auf Systeme und Institutionen.

 […]Diese drei Bewegungen beschreiben im Kern den gesamten U-Prozess: (1) anschauen, anschauen, anschauen, (2) gehe zu einem Ort der Stille und lass das innere Wissen entstehen, (3) handele unmittelbar aus dem Anwesend- Werdenden. Der Prozess ist nicht neu. Wenn Sie mit Künstlern oder kreativ Tätigen sprechen, werden sie diesen „U“ oder Presencing-Prozess in verschiedenen Varianten finden. Ihn jedoch bewusst zu initiieren und nicht nur als Individuum, sondern auch als Team oder auf der Institution- und Systemebene anzuwenden, ist meines Erachtens die spannende Herausforderung. […] Quelle 

Diesen zweiten Punkt des U nennt Otto Scharmer FreiRaum oder Aufwachort. Aufwachort – gerade auch betrachtet in Hinblick auf die gesellschaftlich neuen Lösungen die unsere gemeinschaftliches Zusammenleben auf dieser Erde in der kommenden Zeit dringend bedarf.

(Frei)Raum, das ist der Raum des Experimentierens und kann der Raum der Aktion sein, das ist der Raum des (vermeintlichen) Stillstandes, das ist der Raum, der sich auftut nachdem Fragen gestellt wurden, der Raum am Ende eines Reflektionsprozesses, der Raum der Ruhe und der Rückbindung, der Raum in dem Erkenntnis sich, ganz still und leise, setzt. Das ist der Raum, aus dem heraus wir neue Wege beschreiten können, das ist der Raum, der noch kein konkretes Ziel hat, der Raum, in dem Wünsche entstehen, der Grundlage und gleichzeitig Teil der „Inneren Sicherheit“ bildet.

Nun, vertraut mit dieser Phase des kreativen Prozesses können wird diese Zeit bewusst gestalten in dem wir z.B. nach der Zeit des Sammelns in den Urlaub fahren, oder ein Thema bewusst eine zeitlang „links liegen lassen“ und uns einer gänzlich anderen Beschäftigung zuwenden, Löcher in die Wand starren, spazieren gehen oder boxen. Einfach, wie Wicki eben.

Ich wünsche Ihnen, bei alle dem, viel Freude und Entspannung. Tanja Ries

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