„Ich bin eben so!“ – oder: Die Sache mit dem Willen und der Desidentifikation

Liebe Leser_innen,

vor gut 10 Tagen habe ich in der egometric-Gruppe auf facebook voller Begeisterung den Welt-Artikel „Die Fünf Tugenden, um Extremsituationen zu überleben“  gepostet – versehen mit einem Zitat daraus, dass mir besonders gut gefallen hat

„Wer seine Gedanken und Gefühle selbst gut steuern kann, und Hindernisse und Rückschläge unbeirrt überwindet, leidet demnach weniger unter Stress und bewältigt emotional belastende Situationen wesentlich besser.“

Und das Schlug dann Wellen. Kleine und große. Online und offline. Das ging von „Ach, wäre das wundervoll das zu können, aber wie soll das denn gehen?“ bis zu „Wenn ich meine Gefühle steuere, dann bin ich doch nicht mehr authentisch. Nicht mehr ich selbst. Meine Gefühle und Gedanken sind doch das, was mich ausmachen. Ich bin eben so.“

Ja? Ist das so? Wirklich?

Sie alle kennen das, Sie sind traurig, oder gar zutiefst unglücklich. Erinnern Sie sich? – also, nur ganz kurz 😉 – . Erinnern Sie sich an Ihren letzten euphorischen Moment, ja, dieses Gefühl im Glücksrausch zu sein, gelöst, freudig? – das können Sie ruhig etwas länger tun 🙂 – Und? Sind Sie das? Sind sie traurig, immer? Ist das Ihr Wesen? Sind Sie gelöst und glücklich? Immer? Ist das Ihre Identität?

Gefühle kommen und gehen. Wir alle kennen das. Wir haben Gefühle, aber wir sind nicht unsere Gefühle. Unsere Identität ist etwas anderes als unsere Gefühle.

Es geht nicht darum unsere Gefühle nicht zuzulassen. Es geht darum entscheiden zu können ob wir uns mit Ihnen identifizieren, also in ein „ich bin …“ gehen, oder (und nun kommt endlich das Wort aus der Überschrift) uns für die Desidentifikation entscheiden.

Roberto Assagioli , Pionier der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie, hat ins seinem Buch Die Schulung des Willens hierzu eine wunderbare Übung zur Selbstidentifikation (was nun wiederum meint, die Desidentifikation von Gefühlen, Gedanken und unserem Körper) entwickelt.

Im Kern geht es um die Freiheit der Entscheidung – ich lasse das Gefühl, die Gedanken – ja genau, diese unsäglichen „Schleifen“ in unserem Kopfe, die dann auch noch negativ geprägt sind -, meine körperlichen Empfindungen – Sie werden das kennen, Sie sind unsäglich müde, können kaum noch die Augen offen halten, und auf einmal klingelt das Telefon, und Ihr_e Geliebte_r ruft an, oder ein_e Freund_in, die Sie schon sooo lange nicht mehr gesprochen haben, und auf einmal sind Sie hellwach und energetisiert – all das lassen Sie zu. Beobachten es quasi. Um dann zu entscheiden, ob Sie sich in diesem Moment damit identifizieren möchten – oder eben nicht.

Welch eine Freiheit! Welch eine große Möglichkeit sich auf das zu konzentrieren, zu fokussieren um was es Ihnen wirklich geht. Welch eine Stärkung Ihres Willens. Ja, so lassen sich dann wohl auch Extremsituationen überleben, doch ich kann Ihnen versichern, dass diese Übungen, diese Möglichkeit der Desidentifikation, sich auch im schnöden Alltag bewährt ;-).

Ein weiteres Model der Desidentifiaktion bieten Drs. Hal und Sidra Stone mit ihrer, seit Jahrzehnten sich immer weiter entwickelnden, Methode Voice Dialogue. Auch hier geht es im Kern um die „freie Wahl“, den (kurzen) Moment des Entscheidens.

Laut den Stones entwickeln wir im Laufe unseres Lebens verschiedene Selbste, wie zum Beispiel ein Ordnungs-Selbst, ein Sturheits-Selbst, ein Pünklichkeits- oder ein Chaos- oder Flexibilitäts-Selbst. Teil-Identitäten, mit denen wir in unserem Leben „gute“ Erfahrungen machen, die uns Sicherheit geben. Ganz im jungschen Sinne hat nun jedes dieser Selbste (genannt Hauptselbst) noch ein verdrängtes Selbst, eine Schattenexistenz, deren Identität uns eher ängstigt, oder zumindest stark verunsichert. Im Erkennen und Zulassen, im „in den Dialog treten“ mit all unseren Selbsten bietet sich auch hier wieder die Möglichkeit der Desidentifikation, der „freien Wahl“.

„Ich bin eben so!“ Kennen Sie das? – Ich bin halt schon immer so stur und unflexibel gewesen! (armeverschränk und mit leicht zugekniffenen Augen geguckt) – Und schon sind Sie in der Falle und haben noch ganz genau eine Handlungsoption. Ja genau, die, die Sie immer in dieser Situation verfolgen. Doch wie Sie nun wissen: es geht auch anders.

Ich würde nun so gerne schreiben: Machen Sie es einfach! Halten Sie, sobald Sie ein Gefühl, ein Gedanke, eine körperliche Empfindung überkommt kurz inne. Halten Sie kurz inne, wenn Ihnen eine leise Stimme flüstert: „Ich bin eben so!“, wenn Sie bemerken, dass Sie wie ferngesteuert einem immer gleichen Muster folgen, „das war halt schon immer so“. Halten Sie inne und nehmen Sie sich einen kurzen Moment um zu entscheiden: Will ich das? Entspricht das wirklich meinem tiefsten Willen? Bringt mir das die Erfahrung die ich suche? Tut mir das gut?

Meine Erfahrung ist, dass der Weg dorthin eben ein Weg ist. Ein Weg der Achtsamkeit verlangt, die Offenheit sich einzulassen und – wie bei (fast) allem im Leben – macht auch hier die Übung den Meister.

Was ich Ihnen versichern kann, dass es ein Weg ist, der sich lohnt. Die „freie Wahl“ zu haben ist ein Geschenk, welches Sie sich selbst schenken können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine achtsame Zeit. Tanja Ries

==> Wer sich in die spannende und erkenntnisreiche Welt des Voice Dialogue einlesen will kann das hier tun

==> Die Selbstidentifikaionsübung nach Assagioli gibt es (neben vielen anderen tollen Übungen) in „Selbstmotivation – Flow statt Streß oder Langeweile“ von Dr. Gerhard Huhn/Hendrik Backerra

==> oder besucht mein Seminar: Fokussierung … Hindernisse überwinden & Selbstorganisation

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Ein Gedanke zu “„Ich bin eben so!“ – oder: Die Sache mit dem Willen und der Desidentifikation

  1. Ach Tanja!
    Genau das übe ich …. immer bewusster, immer klarer…..Leben eben 🙂
    Ich danke dir!
    Alles Liebe aus München,
    Ich – die Marion

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