Gastartikel: Kreative Blasphemie

Liebe Leser_innen,

heute gibt es den ersten Gastartikel auf meinem Blog und ich freue mich sehr, dass dieser von Peter Hinzmann kommt, der mich mit seinem Blog Lebens.Wandel. schon sehr bereichert und inspiriert hat. Eines seiner Hauptthemen ist die Futurnautik und ich freue mich, dass er sich für diesen Beitrag in die große wilde Welt der Kreativität begeben hat.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Inspiration beim Lesen und übergebe nun das Wort.

Kreative Blasphemie

All great thruths begin as blasphemies ~ Georg Bernhard Shaw

***

Tanja Ries, meine “Gastgeberin” für diesen Artikel hier, hat bereits einige eigene Beiträge zum Thema Kreativitätverfasst. Sie (und viele andere Autoren) hat sich bereits ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. 

Warum? Weil Kreativität ein sehr menschlicher Prozess ist. Selbst, wenn wir uns selbst für total unkreativ halten bedeutet dies nicht, dass wir nicht doch kreativ sind.

Wir gestalten permanent die Welt um uns herum – nehmen Inspirationen auf, verarbeiten diese, bringen sie mit weiteren Einflüssen zusammen, experimentieren, probieren herum – und das auf “allen Ebenen: individuell, als Gruppen und Kollektive, als Gesellschaft in der Wirtschaft und Politik.

***

Die Definition des Begriffs ist (abgesehen von der “wissenschaftlichen” Betrachtung) oft eine sehr individuelle Sache. 

Die eine fotografiert. Der andere geht mit Worten um. Einige malen, andere musizieren. Das Erschaffen eines neuen Produktes, das Führen von Teams, der allgemeine Umgang mit Menschen oder Menschengruppen – all das ist kreativ.

Ein Kenntzeichen von Kreativität scheint es zu sein, dass das Ergebnis des kreativen Prozesses von jemandem begutachtet werden muss. So wie Kinder, die etwas mit Bauklötzen zusammen basteln. Sie sind ganz versunken in ihre Tätigkeit – aber der krönende Abschluss eines neuen Projektes ist auf jeden Fall immer die Aufforderung: “Mama, ich muss Dir mal was zeigen!”.

Das Kreative spielt sich also nicht ausschließlich in uns ab – sondern es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit  zwischen dem eigenen kreativen Prozess/ der eigenen Leistung – und dem Feedback/ der Rezeption des Umfeldes. 

Je nachdem wie das Feedback ausfällt kann die eigene Motivation dadurch natürlich gebremst oder gefördert werden (das kennt ja jede/r entweder von sich oder von den eigenen Kindern: manchmal hat Kind eine supertolle und aufregende Idee – nur um hinterher festzustellen, dass Eltern oder Erzieher offensichtlich ganz anderer Meinung sind.

Hinzu kommt der Umstand, dass Kreativität zwar oft gesellschaftlich gewünscht wird – allerdings am liebsten innerhalb der bestehenden Normierung.

Sei kreativ – aber in der Klassenarbeit wird der Standar abgefragt.

Sei kreativ – in der Uni-Klausur hast du sogar Multiple Choice (Du darfst wählen!)

Sei kreativ – aber bitte denk’ nicht so viel nach, warum Du diesen Job so machst, wie du Ihn machst.

Sei kreativ – aber stelle doch bitte nicht die Entscheidung Deiner Politiker in Frage.

Sei kreativ – aber stoße niemandem mit Deinen Ideen vor den Kopf.

Wie können wir unser kreatives Potential (wieder-) entdecken und unser Selbstbewusstsein so stärken, dass wir “frei” inneren  und “äußeren” Bewertungen begegnen können?

Kreative Blasphemie

Originalität ist natürlich kein Zwang für den kreativen Prozess. Jedoch wird Originalität immer als solche wahrgenommen. Aber: ich bin überhaupt nicht kreativ – mögen manche einwenden. Handwerklich unbegabt. Keine Ideen.

Stimmt das denn? Kreativität bedeutet, sich selbst spielerisch zu prüfen, sich selbst Fragen zu stellen, eigene Grenzen zu überwinden – die wir fast alle ausschließlich in unseren Köpfen ziehen und die oft von “außen” so verstärkt werden dass wir glauben, das wir tatsächlich unoriginell sind, nichts Authentisches produzieren oder an bestehenden Zuständen nichts ändern können…).

Mal sehen…

Sei unoriginell.

Dann werde ich jetzt auch etwas total Unoriginelles tun: ich zitiere…

“Nothing is original. Steal from anywhere that resonates with inspiration or fuels your imagination. Devour old films, new films, music, books, paintings, photographs, poems, dreams, random conversations, architecture, bridges, street signs, trees, clouds, bodies of water, light and shadows. Select only things to steal from that speak directly to your soul. If you do this, your work (and theft) will be authentic. Authenticity is invaluable; originality is nonexistent. And don’t bother concealing your thievery—celebrate it if you feel like it. In any case, always remember what Jean-Luc Godard said: “It’s not where you take things from—it’s where you take them to.” ~ Jim Jarmusch

Tatsache ist: egal, was Du von Dir denkst, Du bist bereits kreativ. Es gehört zu Deinem Wesen. Zu behaupten Du wärst es nicht ist eine Verleugnung Deiner eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten – was sich nicht nur auf “kreatives Arbeiten” bezieht, sonder auf das Leben an sich.

Mach alles falsch. 

Ein altes Sprichwort lautet: “Aus Fehlern wird man klug.” In der Tat ist es so, dass Fehler bestens dazu geeignet sind herauszufinden, was nicht funktioniert. Und das ist gut so.

Fehlervermeidung ist allerdings in unserer Gesellschaft zu einer Tugend geworden: Politiker wollen nichts falsch machen, da es ihre Macht gefährdet. Ergebnis: Minimalkonsens. Schüler werden dazu angehalten keine Fehler zu machen. Wenn doch – wird das negativ bewertet. Das Ergebnis dieser Art mit Fehlern umzugehen ist jedoch nicht kreativ, originell, spannend oder zukunftsweisend und nachhaltig – sondern verbreitet höchstens konforme Austauschbarkeit, Langeweile und Stagnation…

Wenn Du kreativ bist gehören Fehler dazu. Oft ist der Makel eines kreativen Prozesses genau das, was das kreative Produkt am Ende zukunftsweisend, originell und – kreativ macht.

Breche Regeln.

Das haben wir schon immer so gemacht. Das haben wir noch nie so gemacht. So macht man das nicht. So geht das nicht. Das ist verboten. Niemand macht das so.

Jede/r von uns kennt diese Aussagen, wir haben sie ja selbstständig im Kopf. Aber mal ehrlich: wer hat denn nicht ab und zu einmal Lust, die Regeln zu brechen?

Ein Telefon ohne Tasten? Hätte Steve Jobs nicht eine originelle Idee gehabt (Regeln  gebrochen) – hätten wir heute keine Smartphonekultur. Waren nicht kluge Astronomem auf die Idee gekommen, die Welt könnte eventuell nicht Scheibenförmig sein – müssten wir und heute vielleicht immer noch vor dem Rand fürchten.

Der Rand, die Kante. Englisch: The Edge. Alles was spannend ist, neu ist, ungewöhnlich ist – spielt sich am Rande dessen ab, was Normal ist. Kreativität bedeutet das erfühlen der eigenen Kanten, gesellschaftlicher Kanten, der Tabuzonen.

Dies ist kein Aufruf zum Gesetzesbruch – jedoch zum Bruch (oder zumindest zum kritischen überdenken) der eigenen Kanten, Tabuzonen, Denkverbote.

Alles was Dich dabei aufregt – ist es Wert, näher betrachtet zu werden. Vieles davon, was heute (D) ein Tabu darstellt, kann im (kreativen) Prozess morgen schon zur Realität werden. Zwei Beispiele: Als die FDP vor einigen Monaten das Tabu brach und fragte, ob Griechenland ggf. nicht besser aus der Eurozone austritt. 50 Shades of Grey. Globen statt Scheiben. Fotoapparate, mit denen man telefonieren kann…

Sei unlogisch.

Wenn A dann B. Wenn B dann C. Wenn C dann D. Unsere Logik steht uns beim kreativ sein manchmal einfach im Weg. Nicht, dass wir bestimmte Zusammenhänge nicht mehr als “logisch” per se betrachten sollten.

Aber als Voraussetzung für Originelles, Kreatives und Neues taugt das beharren auf Logik überhaupt nicht. Logik – das alte “Wenn-Dann” Prinzip – ist so tief in uns verankert (worden), dass “Logik” oft mit der Beharrlichkeit individueller und gesellschaftlicher Gewohnheiten verwechselt wird.

Logik engt unser Denken, Fühlen und Handeln ein. Wollen wir kreativ sein, dürfen wir nicht mit den Scheuklappen hantieren, die wir so lange gewohnt waren (und sind). Sie zwingt und in dieses Wenn-Dann-Muster.

Was wäre wenn? – diese Frage benutze ich immer dann, wenn ich mich von meinem eigenen Logikzwang befreien will. Was wäre denn, wann A nicht zu B führt? Sondern zu M?  Was wäre, wenn die Welt keine Scheibe wäre? Was wäre, wenn wir alle ohne Atomkraft auskommen würden? Was wäre wenn ich jetzt einfach loslege und dieses Bild hier male?

Unlogik erlaubt es uns, unserer Fantasie freuen Lauf zu lassen. Keine Begrenzungen mehr. Welten können kugelig sein, Telefone brauchen keine Tasten, Strom keine Kernenergie. Ich male jetzt dieses Bild…

Geh’ Spielen

Gute Arbeit dauert lange (von 9-5). Bessere Arbeit länger. Sie verursacht Stress. Sie ist anstrengend. Und ernsthaft. Hier wird Geld verdient. Das Umfeld ist logisch und regelhaft. Kein Platz für Kreativität. Ergebnisse zählen. Sie soll auch keinen Spaß machen – schließlich ist sie wichtig.

Was wäre, wenn – diese ganze Job-Sache einfach wäre? Spaß machen würde? Eustress erzeugen würde? Die Spielregeln sich verändern ließen? Sie nicht anstrengend wäre? Der Prozess zählt? … wir “Arbeit” als kreative Aufforderung verstehen würden, uns einzubringen?

Gehen wir ohne Ernsthaftigkeit, sondern spielerisch an unsere Aufgaben heran, dann stellen wir fest: plötzlich wird aus Spiel Spaß. Wir können uns selbst (und unsere wichtigen Aufgaben) nicht mehr so ernst nehmen. Die Linie des Bildes ist krumm? Ach, ist doch witzig. Der Kunde ist verärgert? Ach, wir machen das schon so, dass es wieder gut ist. Viel Arbeit da? Wir machen einen Wettkampf daraus (Wer ist der Schnellste?).

Ein Beispiel. Tochter und ich. Schwimmbad. 8 Bahnen schwimmen – für’s Bronzeabzeichen. Ich glaube nicht, dass ich acht Bahnen schaffe?! Ach komm, wir schwimmen nun einfach aus Spaß mal so lange wir können – wir tun so als ob wir Robinson sind, der zur Insel schwimmt. Wer hat am selben Tag das Abzeichen auf dem Badeanzug?

***

Zum Glück können wir jedoch selbst entscheiden, wie wir unsere Leben führen wollen.

Und wir können sogar in die  Zukunft blicken. (Kleine) Kinder können das perfekt. In Ihrem Spiel gestalten sie aus den einfachsten Dingen die tollsten Zusammenhänge. Ohne zu zögern teilen sie einem mit, was sie alles tolles bauen können, bauen wollen, bauen werden. Und auch, was sie alles im Augenblick sind (Prinzessin, Pirat) – und morgen sein werden.

Erwachsenen fällt dieser offene Umgang mit den eigenen Möglichkeiten offensichtlich etwas schwerer. Das hängt natürlich den Lebenserfahrungen und auch mit der Lebenswelt zusammen, in der wir interagieren.

Für uns “große Leute” ist es also manchmal etwas schwieriger, unser eigenes kreatives Potential überhaupt erst einmal zu erkennen – geschweige denn aus zu leben.

“Alle großen Wahrheiten beginnen als Blasphemie” – das einleitende Zitat macht jedoch deutlich, dass Kreativität als Schaffensprozess immer an die Grenzen geht, wenn sie wirklich als kreativ und neu wahrgenommen werden will.

An unsere eigene Grenze: das kreative  Was wäre wenn? zuzulassen fällt uns manchmal schwer. Zu abhängig sind wir geworden von der Absolution der anderen mit “ihren” Bewertungen und (unausgesprochenen) Forderungen nach Konformität.

Kreativität und Un-Konformität gehen für mich jedoch Hand in Hand. Etwas wirklich Kreatives wird nun mal in unserer Gesellschaft meist dann wahrgenommen, wenn es aus der Masse hervorsticht. Das kann auch schon mal provozierend sein – und somit ein Hemmnis für individuelle Kreativität darstellen (denn wer provoziert muss sich auch der Auseinandersetzung stellen.)

Im positiven Sinne jedoch wird jede/r das individuelle und einzigartige Erkennen können, das mit gelebter kreativer Blasphemie einher geht. Es soll ja nicht darum gehen, Tabus um des Tabubruchs willen zu verletzen. Da sich vieles, was wir als Norm ansehen, was wir als gut oder schlecht, gelungen oder als Schrott betrachten sich ausschließlich in unseren Köpfen abspielt – ist die Herausforderung ja eigentlich nur, uns auf unsere eigene Kreativität (rück) zu besinnen.

In diesem Sinne war dieser Artikel hier eine Herausforderung: an mich, mich mit einem Thema auseinander zu setzten, das ich nicht selbst bearbeitet hätte – und an Euch: seid blasphemisch!

Peter Hinzmann

 

Liebe Leser_innen,

das Motto ist nun gesetzt :-). Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat dann freue ich mich wenn Sie diesen „teilen“.

Viele Grüße und eine gute blasphemische Zeit. Tanja Ries.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s