Platz da!

Liebe Leser_innen,

es gibt Themen – wie z.B. die beliebte Steuererklärung, die ja eigentlich weder ein „big deal“ noch eine, auf den ersten Blick, hochemotionale Sache ist – die dann doch, einmal angesprochen, ungeahnt heftige Widerstände und Emotionen auslösen. Eines dieser Themen ist das Aufräumen. Das Platz schaffen. Oder, angenehmer ausgedrückt: das Neu-Ordnen. Schon mein 8jähriger Sohn reagiert mit heftigsten Widerständen wird er mit diesem Thema konfrontiert ;-).

Und in diesem kleinen Zusatz „neu“ liegt dann auch schon der Hase im Pfeffer vergraben.

Das Alte, das Gewohnte, ja, das bietet uns eben Sicherheit. Nicht umsonst heißt es: Gewohnheit. Auch wenn wir schon längst eine Unmenge an Zeit damit verbringen Dinge zu suchen unter den Bergen die wir mittlerweile angehäuft haben.

Berge sind doch auch was schönes! – Ja, aber sie versperren die Sicht.

Die Natur macht es uns gerade wieder vor. Den Wandel, den Wechsel, das Abwerfen der Blätter als Symbol für „Raum schaffen, Leere, Zeit der Ruhe“ um dann, nach einem gebührenden Zeitabstand der notwendig um Kräfte zu sammeln, wieder Neues zu schaffen. Das mit den neuen Knospen, Blättern und Blüten im Frühling, das klappt nicht, wenn der Schritt des (Balast)Abwerfens im Herbst irgendwie „vergessen“ wird. Warum sollte das bei uns anders sein?

Der Unterschied zwischen uns Menschen und den Bäumen (und ich hoffe, dass ich nun keinem Baum zu nahe trete) ist wohl der, dass der Baum diesen Wechsel schlicht als gegeben hinnimmt, als den Lauf der Dinge, als Teil seiner Natur begreift, und niemals auf die Idee kommen würde, dass die neuen Blätter im Frühjahr, die Veränderung, eine Bedrohung darstellen könnte. Oder, dass die neuen Blätter nicht „so gut“ sein werden wie die des Vorjahres. Sie sind einfach nur anders. Er trägt ein neues Kleid – und bleibt doch derselbe Baum.

Auch wir haben einen Kern, ein „ich“ das uns ausmacht – ganz unabhängig von unserem Beruf, unseren derzeitigen Vorlieben, der Stadt in der wir leben, unseren Freunden, Partnern, unseren Kleidern oder den Dingen und Büchern mit denen wir uns umgeben – das bleibt. Und ab und an macht es Sinn Platz zu schaffen, zu sortieren, zu ordnen: was dient diesem „ich“, diesem Kern, denn gerade als „Kleid“. Passt das noch? Fühle ich mich wohl?

Das ganz profane Aufräumen, das damit einhergehende Aussortieren, die Geschichten und Erinnerungen die uns dabei begegnen zu erleben, ist eine wunderbare Tätigkeit um dem Neuen Raum zu geben, es einzuladen, und ein tête à tête  mit seinem „ich“ zu haben. Platz schaffen, das gibt uns die Möglichkeit zu sehen was uns wirklich wichtig ist und genau diesem dann wiederum seinen Platz zu geben. Vielleicht mitten im Raum, als zentrale Kraft, vielleicht an dem wunderschönen Platz vor dem Fenster, von der Sonne beschienen oder in der Lieblingsecke als Erinnerung warum, und wie gerne, wir die sind, die wir sind.

Und ja, manchmal passiert es dann, dass wir (kurzzeitig) der Leere begegnen. Für die eine mag das eine wunderbares Gefühl der Weite und der Offenheit sein, für den anderen vielleicht ein Gefühl des Verlorenseins oder der Haltlosigkeit. Dann schauen Sie einfach kurz raus, auf die Bäume, oder setzen sich hin und laden das von Ihnen gewünschte Neue in Ihr Leben ein. Und dieses Neue, das braucht Platz – auch damit es überhaupt gesehen werden kann. Das ist so, wie mit einem neuen Kleid, dass wir uns voller Freude zulegen. Wenn das in einen vollgestopften Kleiderschrank gepackt wird droht ihm die Gefahr des „Übersehen Werdens.“

Und nicht umsonst wird im Zen-Buddhismus das Unkraut jäten, das Laub rechen als meditative Arbeit verstanden. Reinigen und ordnen. Den Geist klären. Wir alle haben alltägliche Reinigungsrituale – und sei es das Boden wischen, Schreibtisch ordnen oder Zähneputzen. Und ab und an ist eben „Großputz“ angesagt. Meine Mutter empfiehlt zweimal im Jahr. Im Frühling und im Herbst.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Platz schaffen und Spaziergängen im raschelnden Laub.

Tanja Ries

P.S. Mein Sohn ist dann, nach dem Aufräumen, auch immer ganz glücklich über den Platz der ihm nun wieder zur Verfügung steht und der ihm Raum für vollkommen neue Bau – und Spielideen bietet ;-).

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2 Gedanken zu “Platz da!

  1. hi tanja.
    super artikel ist das geworden. interessant: deine „schreibe“, emotional. und das thema finde ich auch gelungen. und das mit der steuererklärung scheint dann ja nicht nur mir so zu gehen: ausnahmezustand…

  2. Liebe Tanja,
    wie so oft schreibst Du ganau das was ich gerade erlebe und was so ansteht!
    Schön, sich so wieder zu erkennen und verbunden zu fühlen!
    Ich danke dir dafür 🙂
    Alles Liebe und viele goldene Momente auch dir,
    Marion

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