Ich fühle, schreie, brülle – also bin ich! – Das Missverständnis der Drama-Queen

Liebe Leser_innen,

an dieser Stelle zuerst zuerst ein „Entschuldigung“ an meine Leserinnen für die Headline. Meines Wissens nach werden auch die männlichen Vertreter dieser Gattung als Drama-Queen bezeichnet. Es handelt sich – leider – um ein geschlechtsübergreifendes Phänomen (mir sind mehr als genug männliche Vertreter bekannt). Und dieses „leider“ bezieht sich weniger darauf, dass wir dieses Phänomen nicht für uns gepachtet haben, denn auf den Umstand, dass es so weit verbreitet ist und durchaus über ein gewisses gesellschaftliches Ansehen verfügt.

Nein, ich habe nichts gegen Gefühle. Ganz im Gegenteil. Doch dazu später. Ich möchte Sie an dieser Stelle mal wieder bitten kurz inne zu halten und an den einen oder die andere Drama-Queen in Ihrem Umfeld zu denken, oder gar an eine eigene queenesken Anwandlung, die natürlich längst zu Ihrer Vergangenheit zählt ;-).

Gefunden?

Ja genau. Diese Menschen mit diesen großen Gefühlen. Die diesen großen Gefühlen Raum geben. Lautstarken Ausdruck. Das kann auch ein „sich demonstrativ zurückzuziehen und in die Funkstille begeben“ sein. Das entscheidende dabei ist das Demonstrative. Dass, das Sie es mitbekommen. Sogar bei Facebook-Freunden oder auf Twitter. Menschen, die Sie nicht einmal persönlich kennen und die Sie, nichtsdestotrotz, teilhaben lassen an ihren emotionalen Ups and Downs. Vielleicht waren Sie gar an der ein oder anderen Stelle einmal neidisch auf einen dieser Menschen. Auf dieses „rauslassen“, diesen Mut, dieses „sich nicht verstellen“ und so.

Drama, das ist altgriechisch und bedeutet Handlung. Drama, das wird verwendet als Oberbegriff für Texte mit verteilten Rollen. Drama, das ist Theater.

Somit ist eine Drama-Queen eine Person die sehr gut ist in dieser Disziplin. Also im Theater machen, im „in eine Rolle gehen“. Im „Handeln auf Teufel komm raus“.

Das „Drama machen“ ist – neben dem Betäuben, dem Rechthaben, der Schuldzuweisung und dem zwanghaften Perfektionismus (laut Brené Brown) – m.E.n. eine der wirkungsvollsten Methoden um Gefühle zu vermeiden. Wir machen uns einfach Gefühle, lautstark und groß, wir machen Wind, wir heulen und wir schreien, wir klagen an, wir brechen zusammen, wir weinen bis der letzte Tropfen versiegt ist und stehen dann wieder auf.

Wir fühlen uns lebendig angesichts dieser starken emotionalen Wallungen. „So, dem hab ich’s jetzt aber gezeigt“. „Puh, endlich mal alles rausgelassen, in die Welt hinein geschrien und gut ist’s“. Ein reinigendes Gewitter, oder so. Bis dass das nächste kommt.

Um wieder und wieder das zu verdecken, das nicht hören, nicht fühlen zu müssen, was darunter liegt. Die Angst das dann nicht aushalten zu können ist zu groß. Ebenso wie die Sehnsucht danach groß ist. Was dann bleibt, als Ausweg und Ersatzhandlung, ist das Drama.

Was darunter liegt, das sind die, in Stein gemeißelten, Annahmen über uns selbst – unsere Glaubenssätze – , das sind Gefühle (und das vermeintliche Wissen) wie: Ich bin schlecht, ich bin nicht gut genug, ich bin wertlos, nicht liebenswert, ich bin irgendwie falsch, nicht richtig, ich bin unperfekt, ich bin nicht genug … beliebig erweiterbar.

All diese Sätze sind verbunden mit einem tiefen Gefühl der Scham und mit der – ebenfalls vermeintlichen – Gewissheit, dass, wenn die Anderen das sehen können, wenn die Anderen das erkennen, wir vollkommen alleine sind. Quasi von allen guten Geistern verlassen. Und wir können gar jede_n verstehen, der dann nichts mehr mit uns zu tun haben will.

Und das, das fühlt sich wirklich lebensbedrohlich an.

So wählen wir die Second-Hand-Gefühle des Dramas. Um die Stille zu vermeiden die uns auf den Grund schauen lässt. Wir gehen ins Handeln. Im Drama haben wir noch Kontrolle. Die Inszenierung liegt in unserer Hand.  Lieber mit wehenden Fahnen und lautem Gebrüll gehen, denn uns mit all unserer Verletzlichkeit einfach zu zeigen, ein Risiko einzugehen, die Bereitschaft zu haben die Fäden aus der Hand zu geben.

Und ja, Sie sind nicht perfekt.

Aber hey, Sie sitzen doch gerade hier und lesen diesen Blog. Wahrscheinlich sind Sie über 20, wahrscheinlich sogar über 30, Sie haben schon einiges gelernt und mit hoher Sicherheit ein Dach über dem Kopf. Sie haben schon die ein oder andere Beziehung gelebt, und bestimmt fällt Ihnen jetzt jemand ein den Sie anrufen könnten um mit Ihm oder Ihr, ein wenig zu plaudern, vielleicht sogar über das was Sie gerade gelesen haben. Sie können Geschichten aus Ihrem Leben erzählen und auf den ein oder anderen Erfolg zurückblicken.

All das haben Sie gelebt und erreicht trotz Ihrer Unperfektheit, vielleicht sogar wegen Ihrer Unperfektheit. Sie haben es damit bis hierher geschafft. Und ich bin mir sicher, dass Sie gerade dafür geliebt werden.

Ihre Verletzlichkeit macht Sie schön, liebens-wert.

Brené Brown sagt: Unsere Verletzlichkeit, das ist der Kern unserer Scham und unsere Angst, unseres Ringens um Wertschätzung; und ebenso der Kern von Freude, Kreativität, Zugehörigkeit und Liebe.

Ich meine nicht, dass Sie nicht die ein oder andere Haltung nochmals überdenken oder erweitern können (doch das ist ein anderes Thema) ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie genug sind.

Sie sind genug. Und wunderschön darin.

Sie sind genug. Sie können aufhören zu schreien und beginnen zuzuhören, dem Leisen, das da drunter liegt. Da liegen auch Ihre Sehnsüchten, Ihre Bedürfnisse die von Ihnen gehört werden wollen und einen Freudentanz aufführen werden ob Ihrer Aufmerksamkeit.

Und sollten Sie mal wieder einer Drama-Queen begegnen, dann wissen Sie ja nun, dass die oder der eigentlich nur Angst hat, unsicher ist. Und Sie brauchen sich nicht mehr verrückt machen zu lassen oder gar mit einzusteigen. Sie können Mitgefühl zeigen oder „Nein“ sagen – denn Sie können ja das Leise hören.

Tanja Ries

Den großartigen TED-Vortrag von Brené Brown: The Power of Vulnerability verlinke ich in einem extra Post hier.

Sollte Ihnen der Beitrag gefallen haben so freue ich mich über’s verlinken in Ihren Netzwerken.

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