Die Merkmale kreativer Persönlichkeiten

Liebe Leser_innen,

ich bin gerade wieder tief eingetaucht in die Welten der Kreativität, da ich zur Zeit einen modularen Workshop zum „… (wieder) in den (kreativen) Fluss kommen“ gebe, und möchte mich daher auch auf dieser Seite einem Aspekt des Themas widmen: Den Merkmalen kreativer Persönlichkeiten.

Dieser Artikel baut auf den Forschungsergebnissen von Mihaly Csikszentmihalyi auf, der diese in seinem (dicken und sehr empfehlenswerten) Buch „Kreativität – Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden“ veröffentlicht hat. Seine Studien berufen sich auf langjährigen Interviews mit 91 kreativen Persönlichkeiten. Kreativ in dem Sinne, wie er Kreativität definiert hat (auch in diesem Buch) – als Systemmodell.

Ich glaube ja nach wie vor, dass jeder Mensch (unter für ihn optimalen Bedingungen, welche auch immer das sein mögen) seine Kreativität entfalten kann. Csikszentmihalyi hat jene interviewt, die die ihre ausleben und so zu einer Kulturveränderung beitragen.

Neben den von ihm herausgearbeiteten 10 Dimensionen der Komplexität (ihrer Persönlichkeiten), die eine erstaunliche Affinität zur der Aufgabenverteilung der rechten und linken Gehirnhälfte ausweisen, lassen sich noch weitere Eigenschaften herausstellen die sich bei (fast) allen kreativen Personen finden:

  • die Fähigkeit, den Schaffensprozess um seiner selbst willen zu genießen; sogenannte Flow-Persönlichkeiten
  • eine anhaltende Entschlossenheit – ein starker Wille, dem Leben einen Sinn geben wollen und zumindest das ein oder andere Geheimnis des Universums zu lösen
  • ein großes Wissen innerhalb des eigenen Fachgebietets und den gleichzeitigen Mut neue Wege zu beschreiten.

    Doch zuerst noch ein Zitat von Mihaly Csikszentmihaly, eines, bei dem ich in meiner beständigen Arbeit mit Künstler_inne_n und Kreativen immer wieder eine große Erleichterung, ein Erkennen, ein „Ach so“ und „Puh, dann bin ich damit ja nicht alleine“ erlebe. Meiner Erfahrung nach sind es nicht die Einzelnen die in und mit ihrer komplexen inneren Struktur „ein Problem“ haben, es ist vielmehr der Kontakt mit den „Anderen“, das Positionieren im eigenen Umfeld welches die Herausforderung birgt sich in seinem „so sein“ zu behaupten. Ein „so sein“ welches absolute Notwendigkeit für den Schaffensprozess darstellt.

    Wenn ich mit einem Wort zusammen fassen sollte, was ihre Persönlichkeit von anderen unterscheidet, so wäre es Komplexität. Damit meine ich, dass sie Denk – und Handlungstendenzen zeigen, die bei den meisten Menschen getrennt sind: Kreative Personen vereinen widersprüchliche Extreme in sich – sie bilden keine individuelle „Einheit“, sondern eine individuelle „Vielheit“. Wie die Farbe Weiß, die alle Nuancen des Spektrums enthält neigen sie dazu, das gesamte Spektrum menschlicher Möglichkeiten in sich zu vereinen. (Mihaly Csikszentmihalyi)

     

    DIE ZEHN DIMENSIONEN DER KOMPLEXITÄT

    1. hohe physische Energie  > <  Ruhe und Entspannung

    „Sie machen Überstunden, arbeiten mit höchster Konzentration und straheln gleichzeitig eine Aura der Frische und Begeisterung aus.“

    Sehr schön zu sehen ist, wie kreative Persönlichkeiten auch noch im hohen Alter diese beiden Komponenten beherrschen.

    Sie können ihre Energie selbstbestimmt, von innen heraus aktivieren, was auf einen großen Fokus und einen konzentrierten Willen hinweist.

    „Wenn es notwendig ist, können sie ihre Energie wie einen Laserstrahl konzentrieren. Wenn es nicht notwendig ist, fangen sie sofort an ihre Batterien wieder aufzuladen“.

    Die Sexualität ist eine Manifestation dieser hohen physischen Energie. Auch hier leben sie ein Paradox. Diese Energie wird von einigen direkt in Sexualität umgesetzt und gleichzeitig zeichnen sie sich durch eine spartanische Enthaltsamkeit aus, was oftmals in Phasen kreativer Prodktivität geschieht.

    „Ohne Eros wäre es schwierig, kraftvoll an das Leben heranzugehen. Ohne Selbstbeherrschung würde man seine Energien leicht vergeuden“

    2. weltklug  > <  naiv

    Kreativität erfordert gleichzeitig ein hohes Wissen (innerhalb einer Domäne), am Besten noch aus verschiedenen Domänen, da die Ideen, die Durchbrüche oftmals aus einer Verknüpfung von fachspezifischem als auch fachübergreifendem Wissen erfolgt. Das stellt an sich schon eine Komplexität dar. Gleichzeitig braucht es immer wieder das „Staunen“, das „Nicht-Wissen“ (Lethologie) um neue Blickwinkel, neue Betrachtungweisen zu ermöglichen, sich aus den eingefahrenen Wegen hinaus in etwas Neues zu begeben.

    3. Disziplin/Verantwortungsgefühl  > <  Spielerisch/Ungebundenheit

    Ohne das Spielerische, das Freie und Ungebundene, das im allgemeinen mit Kreativität gleichgesetzt wird, werden wir nie das „Neue“ entdecken oder auf ungewühnliche Lösungen kommen. Das Spielerische schließt mit ein, dass wir Fehler machen können und repräsentiert unsere Neugier. Wir werden jedoch keine kreative Leistung vollbringen wenn wir nicht ebenso engagiert, ausdauernd und gar stur unsere Ideen verfolgen und umsetzen.

    Die Bildhauerin Nina Holton sagt: „Es ist die Kombination von wundervollen, wilden Ideen und sehr viel harter Arbeit“. Der Sozialwissenschaftler David Riesman beschreibt den Begriff der „distanzierten Nähe“ und der Physiker Hans Bethe sagt: „Zwei Dinge sind erforderlich. Das eine ist der Verstand, das andere ist die Bereitschaft sehr viel Zeit mit Nachdenken zu verbringen und dabei das sehr rele Risiko in Kauf zu nehmen, dass nichts dabei herauskommt“.

    4. Realitätssinn > <  Phantasie/Imagination

    „Das Neue, das sie erkennen, ist in der Realität verankert“

    Neue Ideen/Kunst brauchen den Raum der Imagination, die Flucht vor der Realität um entstehen zu können. Die Spinnerei. Der Realitätssinn entscheidet jedoch welche der „Spinnereien“, welche der neuen Ungewohnten Ideen/Lösungen „wahr“ ist – was früher oder später erkannt, wird, was mit dem vorhandenen Wissen, bzw. der Neuverknüpfung von Wissen umgesetzt werden kann und Bestand hat.

    Und dieser Prozess verändert wiederum das, was wir Realität nennen.

    5. Extraversion  > <  Intraversion

    Mittelpunkt oder Zaungast? Einsames Genie oder unterhaltsamer Paradiesvogel? – Beides.

    „Nur wer das Alleinsein ertragen kann, ist in der Lage, den symbolischen Inhalt einer Domäne (eines Fachgebietes) zu meistern“ – und doch brauchen wir den Kontakt mit den „Anderen“. Um unsere Ideen zu überprüfen, als Inspirationsquelle, zum Austausch, um uns Feedback einzuholen. Wir könnten auch sagen: Inspirationsprozess versus Konzentrationsprozess. Wobei auch dies wieder zu kurz greift, da der „Funke der Inspiration“ genau so gut im Konzentrationsprozess erfolgen kann.

    6. Stolz  > <  Demut

    Die Demut und Bescheidenheit ergibt sich aus dem Wissen heraus, dass wir alle „auf den Schultern von Giganten stehen“. Aus dem Wissen um das Nicht-Wissen, und auch wieder aus der Fähigkeit heraus das „Wunder“ zu sehen. Zudem sind die meisten kreativen Persönlichkeiten stark mit ihrer jetzigen Tätigkeit, mit den gegenwärtigen Herausforderungen beschäftigt, also in der Gegenwart, dass ihre früheren Erfolge nicht so eine große Bedeutung haben. Oftmals finden wir auch ein hohes Maß an Selbstkritik und Zweifel an der eigenen „Genialität“, oder den Verweis auf ihr Umfeld, die „anderen“ die zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Gleichzeitig wissen diese Personen natürlich dass sie etwas Außergewöhnliches geleistet haben und je nach Domäne fordert diese auch ein gewisses Maß an Wettbewerb und Aggressivität.

    7. männlich  > <  weiblich

    „Kreative Individuen entfliehen in gewisser Weise dieser rigiden Rollenverteilung. … psychologische Androgynität ist ein wesentlich umfassenderer Begriff (denn der Sexuelle), der sich auf die Fähigkeit bezieht gleichzeitig aggressiv und fürsorglich, senisbel und hart, dominierend und nachgiebig zu sein – unabhängig vom Geschlecht.

    Eine psychologisch androgyne Person verdoppelt im Effekt ihr Verhaltensrepertoire, was ihr ein wesentlich reicheres Spektrum an Interaktionsmöglichkeit eröffnet.

    8. Traditionalist  > < Rebell

    Wer nur die Tradition wahrt, kann eine Domäne nicht verändern. Wer nur das Neues sucht, dem fehtl das Wissen der Domäne was unabdingbar um das Neue „anzudocken“ und die Anerkennung des Feldes zu erlangen.

    9. Objektivität  > < Leidenschaft

        Distanz  > <  Bindung (Verbundenheit)

    Ohne Leidenschaft verliert man schnell das Interesse und ohne Objektivität leidet die Qualität.

    Die Energie, die durch diesen Konflikt zwischen Distanz und Bindung hergestellt wird, ist von vielen Befragten als wichtigester Bestandteil ihrer Arbeit genannt worden. Daher pendeln wir auch im kreativen Prozess beständig zwischen diesen beiden Extremen hin und her. Wir verbinden uns mit einer Idee, wir sind eins mit ihr – um sie daraufhin wieder in Frage zu stellen, von außen zu betrachten, sie zu drehen und zu wenden, um sie zu verbessern, um sie zu schützen – und uns dann wieder mit ihr zu verbinden.

    Meines Erachtens nach, entspringt die zehnte Dimension aus dem (Er)Leben der vorher genannten, am stärksten emotional erfahren in dem Konflikt zwischen Verbundenheit und Distanz, Verschmelzung und All-ein-sein.

    10. intensive Freude  > < Leid und Schmerz 

    In dieser Dimension verbirgt sich das große Thema der Verletzlichkeit. Eine Grundvoraussetzung um widerum in Verbindung treten zu können, welche, als Fähigkeit, also der Mut zur Verletzlichkeit, der Mut sich zu irren, unserer Sehnsucht nach Anerkennung oftmals im Wege steht. Das scheint der „biographische Unfall“ zu sein, den Kruse beschreibt. Hier erfüllt sich scheinbar das Klischee des Künstlers, der den Schmerz und das Leid braucht um dann, quasi als Belohnung, die intensive Freude erleben zu können.

     

    Das alles sind Eigenschaften die in jedem Menschen angelegt sind, doch üblicherweise bilden viele nur einen Pol dieses Widersprüchlichen aus.

    Haben Sie jetzt ein Bild davon welche Irritation dies Persönlichkeiten in Ihrem Umfeld auslösen können? Sie lernen eine wundervolle Frau kennen mit der sie tagelang durch’s Nachtleben ziehen, die auf allen Tischen tanzt, ausgelassen und wild – und dann zieht sie sich für 2 Monate auf eine einsame Berghütte zurück (und all das hat mit Ihnen nichts, aber auch gar nichts zu tun). Oder – Sie lernen einen ruhigen, disziplinierten Mann kennen, verantwortungsvoll und konzentriert, beständig seinem Tun gewidmet – und auf einmal benimmt der sich wie ein albernes Kind, rennt über Wiesen und umarmt jeden Baum (nein, er hat keine Drogen genommen ;-).

    Und woher kommt das nun, das die so sind wie sie sind?

    Mihaly’s Forschungen konnten DIE Gemeinsamkeit die alle Lebensgeschichten eint nicht feststellen. Weder hatten alle eine besonders schlimme, noch besonders glückliche Kindheit, noch alle eine kreative Großmutter oder sind in einer bestimmten Mondphase geboren ;-). Eine der wenigen Annahmen die es gibt, was diese Komplexität befördert, sind gegensätzliche Erfahrungen in Bezug auf die Umwelteinflüsse in der frühen Kindheit als wesentliche Ursache.

    So stimulieren z.B. positive Erfarhungen in der Familie, eine unterstützende, emotional sichere Umgebung, ein reiches kulturelles Angebot und eine Vielfalt an Möglichkeiten in Verbindung mit hohen Erwartungen die Neugier und das Interesse. Den Mut.

    Im Gegensatz dazu ist die Reaktion auf eine unsichere, emotionale Umwelt, gestörte (Familien)Verhältnisse, das Gefühl von Einsamkeit und Zurückweisung oder   Ausgeschlossenheit die Ausdauer.

    Die meisten Menschen machen entweder die eine oder die andere Kindheitserfahrung, nicht beide.

    Daher verfügen kreative Menschen über eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit, die sie dazu befähigt, sich in fast jeder Situation mit dem zu behelfen was gerade zur Verfügung steht um ihre Ziele zu erreichen. Ihr Verhalten ist offenbar etwas ungeheuer variables – was widerum eine Irritation für ihr Umfeld darstellen kann.

    Ich vermute, dass dies  der Grund ist für Artikel wie: „Auf dich achten du musst! – die dunkle Seite der Kreativität“, von Christian Müller auf karrierebibel.de  . Ein Artikel, der aufgrund diverser Studien Kreative als die größeren Lügner entlarvt.

    Ich hoffe, dass das Wissen um diese Extreme in Ihnen oder bei Menschen in Ihrem Umfeld Ihnen ein Stück mehr an Verstehen gibt. Es geht nicht darum ein Mittelmaß zwischen diesen beiden Polen zu finden, sondern das eher übliche „entweder – oder“ in ein „sowohl – als“ auch zu verwandeln.

    „Kreative Menschen kennen definitiv beide Extreme und erleben beide mit derselben Intensität und ohne innere Konflikte“ so Csikszentmihalyi – was ich eher als Aufgabe und Ziel meiner Arbeit verstehe: das intensive und lustvolle Erleben dieser beiden Extreme ohne innere Konflikte sein lassen zu können und das Wissen darum gar zu nutzen um kreative Blockaden auflösen zu können.

    Doch dazu mehr in einem weiteren Blogbeitrag.

    Ich danke Ihnen, dass Sie diesen langen Ausführungen bis hierher gefolgt sind – es lässt sich eben nicht alles in Kurzform ausdrücken ;-).

    Beste Grüße. Tanja Ries

     

    P.S. wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat dann freue ich mich über das „Teilen“ bei den üblichen Verdächtigen wie facebook, twitter …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s