Und manchmal, manchmal tut es weh

Liebe Leser_innen,

manchmal, also manchmal, da kann ich es kaum ertragen noch einen Buch – oder Seminartitel wie „In 7 Tagen zum Erfolg“; einen Slogan wie „Veränderungen leicht gemacht“ oder eine Headline wie „In 10 Tagen zur Traumfigur“ zu lesen. Begleitet wird all dies meist noch von „glücklich-energiegeladenen-mir-geht-es-immer-gut-und-ich-bin-saugut-drauf-und-habe-ein-perfektes-Leben“-Fotos von Menschen meiner Zunft. Trainer_innen und Coaches.

Während ich im Oktober über das Drama, die große Inszenierung, als eine Methode um Gefühle zu vermeiden, geschrieben habe, so tue ich das heute über diesen unbedingten Hang zur Leichtigkeit, die Hoffnung auf eine schmerzfreie Welt und den Wunsch nach Perfektion. Über das (vermeintliche) Versprechen Veränderungen seien schmerzfrei möglich und das Leben eben doch ein Picknick, wenn man nur beim richtigen Anbieter die Zutaten kauft. Ein Versprechen. Und Sie wissen wie das ist mit den Versprechen: wenn wir ein eines geben, dann ist es gut dieses auch halten zu können.

Die Menschen wollen erfolgreich sein im Beruf, sie wollen sich tief mit einem anderen Verbinden und eine Liebesbeziehung eingehen, sie wollen ihre kreativen Blockaden lösen, sie wollen Intensität und das Gefühl mit sich und der Welt im reinen zu sein, in Verbindung zu sein – in der großen Hoffnung diesen Weg ohne Schmerz gehen zu können.

Es ist nicht möglich, dieses eine, diesen Schmerz zu betäuben – und da verweise ich gerne nochmals auf Brené Brown – und zu hoffen, alles andere wäre von dieser Betäubung nicht betroffen. Unsere Lust, unsere Kreativität, unsere Freude.

Und das absurde ist, dass wir, gerade im Vermeiden, den eigentlichen Schmerz aufrecht erhalten. Wenn auch gedeckelt. Und dabei ist es ganz gleich ob wir den Weg des Dramas oder den Weg der Betäubung durch Oberflächlichkeit und (vermeintlichen) Perfektionismus wählen. Wenn wir die Augen und unser Herz schließen vor unserem Schmerz – dann bleiben wir in alten, gewohnten Mustern die uns Lebendigkeit und Verbindung vorgaukeln. Wir merken es ab und an nicht einmal, da wir das, dieses Gewohnte, mit Lebendigkeit verwechseln … nur manchmal, manchmal, da regt sich so ein Gefühl.

Für mich waren die Momente einem tiefen Schmerz zu begegnen immer verbunden mit dem Gefühl von Scham. Der Schmerz, der einhergeht mit der Erkenntnis – ich bin nicht perfekt. Ich bin unvollkommen. Ich bin vielleicht genau so, wie ich es nie sein wollte, wie es meinem Bild von mir nicht entspricht.

Einen meiner Schammomente hatte ich vor gar nicht allzu langer Zeit. Ich befand mich in einem intensiven Gespräch und beantwortete vollkommen ehrlich Fragen wie: Du bist dann also Punk gewesen? Aha. Scheiß gebaut. Schule geschmissen? Ja, klar, Schulsystem und so. Ach so, alles wegen der Scheidung deiner Eltern also. Klar. … komm hör auf, viele Kinder haben eine Scheidung erlebt und haben nicht so krass hohlgedreht –

und dann kam es –

Du hast dich also an deiner Mutter gerächt.

Ich wäre vor Scham am Liebsten im Erdboden versunken.

Ich bin über 40 Jahre alt. Es ist nicht so, dass ich mich nicht schon über Jahre hinweg immer wieder mit meinem Lebensweg auseinander gesetzt hätte. Mit diesem Schmerz, also dem, den die anderen mir zugefügt haben. Ich meine, hey, ich bin Coach und Schreibtherapeutin … und natürlich habe ich viel Selbsterfahrungzeugs gemacht und so …

Es hat wehgetan. Ich habe mich geschämt. Ich bin also nicht das Opfer, das ordentlich seine Geschichte aufgearbeitet hat. Ich habe mich gerächt. Jedes Scheitern, jeder Mißerfolg: Rache.

Es hat weh getan – und dann, dann wurde es ganz leicht und weit. So eine Gefühl wie „mir geht das Herz auf“. Ich erlebe das auch immer wieder bei Klient_inn_en. Den Moment, wenn sie an einen großen Schmerz gelangen, an ein Grundmuster das ihr Leben bestimmt (hat), an eine Scham – und im (An)Erkennen dessen findet dann (Er)Lösung statt.

Ein „heiliger Schmerz“. Ein heilender Schmerz. Heil = Ganz, weil wir erkennen, dass wir in unserer Unvollkommenheit wunderschön sind. Das wir genau so wie wir sind richtig sind. Das wir leben.

Diese Erleben ist vergleichbar mit einer Behandlung beim Physiotherapeuten. Sie kennen das, wenn die in die Schmerzpunkte reingehen, wenn sie suchen, bis sie genau den Punkt finden an dem der Schmerz sitzt – um dann ganz langsam ganz tief reinzugehen, immer tiefer, es ist kaum auszuhalten – und auf einmal, auf wundersame Weise löst sich dieser Schmerz dann „in Wohl-gefallen“ auf. So fühlt sich das an.

Um zu diesem Abend zurück zu kommen. Das schöne war (und ist): mein Gesprächspartner ist nicht gegangen, er hat sich nicht empört erhoben und wollte mit mir nichts mehr zu tun haben. Keiner hat sich von mir abgewandt und – wie sie sicher mitbekommen haben 😉 – ist auch die Welt nicht untergegangen. Ich bin ein Stück reicher geworden. Ich kann nun ein erfolgreiches, eigenmächtiges, glückliches Leben führen. Ich muss mich nicht mehr rächen.

Das ist das, was ich ihnen versprechen kann: Manchmal, manchmal da tut es weh und wenn Sie den Mut haben Ihrem Schmerz und Ihrer Scham zu begegnen, die Schönheit Ihrer Unvollkommenheit zu entdecken, anzuerkennen und zu genießen, dann, dann geht Ihnen das Herz auf, Sie können spüren wie Ihnen eine Last von den Schultern fällt, und dann, dann wird es leicht …

… bis zum nächsten Mal. Aber dann wissen Sie ja schon wo es hinführt ;-).

Herzliche Grüße. Tanja Ries.

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