Wann sind Sie das letzte Mal ein Risiko eingegangen?

Liebe Leser_innen,

keine Sorge ob des Titels. Es geht in diesem Beitrag weder um Bungee Jumping – wobei sich hier die Frage stellt ob Sie damit wahrlich ein Risiko eingehen – noch werde ich Sie auffordern Ihre Komfortzone zu verlassen und mal einen anderen Weg zur Arbeit zu gehen – wobei dies ab und an durchaus Sinn macht. Nein, es geht nicht um kalkuliertes Risiko. Es geht um ein Risiko.

Ich meine damit – um gleich zur Sache zu kommen – so Dinge wie zum Beispiel: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem Ihre Liebe gestanden? Jemandem, bei dem Sie nicht wussten, dass die Antwort ein „Ich dich auch“ sein wird?
Oder – um es ein wenig leichter zu machen: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem Ihr Interesse gezeigt und gesagt: „Ich mag dich. Ich möchte dich gerne wieder sehen.“ Oder – ganz anders: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem der Ihnen am Herzen liegt gesagt: „Ich möchte dich jetzt nicht sehen. Ich will heute alleine sein.“ Oder: „Ich möchte mit dir über deine ewigen Männer/Frauen-Geschichten nicht mehr reden solange sich nichts gravierendes ändert.“ Oder – zu Ihren Kolleg_inn_en: „Diesen Job übernehme ich gerne.“

Wann sind Sie das letzte Mal ein Risiko eingegangen? Können Sie sich erinnern?

Und, haben Sie wirklich gesagt: „Ich mag dich. Ich möchte dich gerne wieder sehen.“ Oder haben Sie vielleicht doch gesagt: „Also, wenn du mal reden willst, kannst du jederzeit anrufen.“ Oder: „Ach, ich bin ja ab und an in der Ecke in der du arbeitest. Da hab ich manchmal ein wenig Luft wenn ich vom einen Termin zum anderen gehe.“
Haben Sie zu Ihren Kolleg_inn_en nicht doch gesagt: „Ich kann das machen wenn ihr nicht wollt.“ Und haben Sie ganz sicher gesagt: „Ich will heute alleine sein.“ Oder nicht doch: „Wir haben uns ja ganz schön oft gesehen in letzter Zeit und ich hab heute auch echt noch einiges zu tun.“

Ein Risiko eingehen, das bedeutet, nicht zu wissen was passiert, das bedeutet, zuerst zu sagen „Ich liebe dich“, das bedeutet, etwas zu tun, für das es keine Garantie gibt, das bedeutet, die Bereitschaft zu haben auch Unangenehmes anzunehmen.
Ein Risiko eingehen, das bedeutet uns offen mit unseren wahren und klar geäußerten Bedürfnissen zu zeigen.

Und schon sind wir wieder beim Thema Verletzlichkeit. Das Zeigen der eigenen Verletzlichkeit als Grundvorraussetzung für Verbindung. Als Grundvorraussetzung für echte, wahre Kommunikation. Miteinander.
Sie fragen sich nun vielleicht: „Gibt es denn auch falsche, unechte Kommunikation?“

Ja. Die gibt es. Die, die nur behauptet Kommunikation zu sein. Sie kennen das bestimmt, also, von anderen. Die, mit denen Sie zusammen sitzen, und die sagen: „Also, ich habe ja am Wochenende noch nichts vor. Man könnte ja mal gucken wie das Wetter wird.“ Und die – ich meine, das war ja ein klares und eindeutiges Angebot – wenn Sie freudestrahlend sagen: „Oh, diese Wochenende hab ich schon was vor, aber …“, Sie dann verwundert anschauen und kontern: „Wie Wochenende? Wie kommst du denn darauf? Ich wusste doch nur noch nicht ob ich auf’s Land fahre oder nicht?“

Das sind die, die sich nie festlegen. Die klare Aussagen meiden wie die Pest. Die sich immer ein Hintertürchen offen halten. Die, die nie sagen würden: Ich mag dich (von ich liebe dich will ich hier gar nicht anfangen), sondern die sagen: „Wenn du da bist, dann hab ich immer so ein flaues Gefühl im Bauch.“ Und die sich dann nachher mit Bauchschmerzen rausreden. Hier geht es nicht um Kommunikation, um einen Austausch miteinander. Hier geht es um Macht und „am-längeren-Hebel-sitzen.“

Das ist nicht nur Gewalt (in der Sprache) die anderen angetan wird. Das ist auch Gewalt die sich selbst angetan wird. Die andere, die unklare Seite, plagt sich nämlich mit Gedanken wie: „Aber ich hab doch klar und deutlich gesagt, dass ich da so ein Gefühl im Bauch habe …dass man gucken kann wie das Wetter wird. Ich weiß auch nicht warum bei all dem nicht endlich was passiert. Mehr kann ich jetzt auch nicht machen. Es sollte eben nicht sein (heul, schnief).“

Die große Angst hinter diesen unklaren Aussagen ist ein vermeintlicher Gesichtsverlust.

Oh Gott. Wie steh ich nur da wenn ich jetzt sage: „Ich möchte mit dir Zeit verbringen. Ich möchte mich mit dir einschließen und für mindestens 48 Stunden die Welt draußen lassen. Ich möchte dich kennenlernen. In und auswendig. Ich habe immer so ein flaues Gefühl im Bauch wenn ich dich sehe – das sind Schmetterlinge“, und der andere sagt: „Ich nicht.“

Doch nur wer sich zeigt, der gewinnt an Kontur.

Wie Sie dann da stehen? Offen, verletzlich, klar – und wunderschön. Und ja, das mag vielleicht weh tun, aber ich kann Ihnen versichern, wenn überhaupt, dann nur ganz kurz. Klarheit ist einfach. Und Sie können sich nun darüber freuen, dass Sie ihre Bedürfnisse (an)erkannt und geäußert haben und sich niemals über „Hätte ich doch damals …“ – Gedanken grämen müssen. Das nennt man Courage.
Und Sie können weiter gehen. Vielleicht sogar mit diesem Menschen, aber eben anders, als Sie sich das vorgestellt habe. (Es besteht für Sie natürlich weiterhin die Möglichkeit sich darüber zu grämen, dass nicht alles so gelaufen ist wie Sie sich das vorgestellt haben. Sie können auch frei entscheiden wie lange Sie sich dem hingeben. Ihnen sind da keine Grenzen gesetzt.)

Und jetzt stellen Sie sich doch bitte mal vor, der andere sagt: „Ja. Jetzt. Sofort. Gerne.“

(Ich lasse jetzt hier ein wenig Platz damit Sie Raum haben sich das wirklich vorzustellen)

Dieses tolle Gefühl haben Sie ermöglicht. Durch Ihre Klarheit.

Ich möchte Sie nicht Auffordern Bungee Jumping ohne Sicherheitsvorkehrungen zu praktizieren, ebenso wenig wie mit verbundenen Augen über eine viel befahrene Kreuzung zu laufen.
Ich möchte Sie ermutigen Kontur zu gewinnen, das Risiko einzugehen sich mit Ihren Bedürfnissen und Wünschen zu zeigen. Sich zu zeigen. Dadurch ermöglichen Sie sich selbst, als auch anderen, eine klare, angstfreie und somit liebe-volle Kommunikation.
…und sollten sie sich oder andere mal wieder bei diesem unklaren Herumgeeiere ertappen: dann steigen Sie doch einfach aus.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim nächsten Risiko eingehen und schließe mit einem an Meister Yoda angelegten Zitat: Möge die Klarheit mit dir sein. (wahlweise auch: Eindeutigkeit, Mut, Courage, Offenheit …)

Herzlichst. Tanja Ries

P.S. Auf Wikipedia gefunden: Der Begriff Risiko (griechisch für Klippe, Gefahr) wird in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich definiert. Allen Disziplinen gemeinsam ist jedoch die Definition des Risikos als die Beschreibung eines Ereignisses mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen. Andere Definitionen sehen bei risikobehafteten Handlungen auch die Möglichkeit einer positiven Auswirkung, die meistens als Chance bezeichnet wird. Ursächlich ist das Risiko mit einem Wagnis verbunden.

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