„Kreativität für alle“ – Muss das denn sein?

Liebe Leser_innen,

Nicole Gugger hat, gleich zum Jahresbeginn, zur Blogparade „Kreativität für alle“ aufgerufen. Und ich, ich hab mich gefreut. Sehr gefreut.

Dann hab ich überlegt, „Was kann ich dazu beitragen?“, habe hier in meinen Beiträgen gestöbert und gedacht, „Schade, ich hab ja schon alles zum Thema Kreativität geschrieben was ich zum jetzigen Zeitpunkt dazu zu sagen habe.“

Jetzt ist ein Monat vergangen, ich habe aufmerksam die vielen Beiträge der Blogparade gelesen, und nun treibt mich die Frage um: Muss das denn sein? Müssen wir denn alle kreativ sein? Was ist denn eigentlich dieses „kreativ“, ohne das, nebenbei bemerkt, auch kaum noch eine Stellenbeschreibung, geschweige denn eine Selbstdarstellung aller Freiberufler_innen und Kreativwirtschaftler_innen auskommt?

In meinen creative flowing Workshops beginne ich gerne mit einer Kreativitätsdefinition von Mihaly Csikszentmihalyi (DIE allgemein anerkannte Definition gibt es eh (noch) nicht):

[…] Kreativität ist jede Handlung, Idee oder Sache, die eine bestehende Domäne verändert oder eine bestehende Domäne in eine neue verwandelt. Und ein kreativer Mensch ist eine Person deren Denken oder Handeln eine Domäne verändert oder begründet. […]*

Dann wird es meist ganz still. Eine Stille, die schmerzt wie ein unbändiger Schrei. Geschuldet den Egos der Künstler_innen und Kreativwirtschafler_innen. Wobei diese Schreie wohl eher dieser unendlichen Sehnsucht nach Anerkennung entspringen, denn der bloßen Erschütterung durch die Worte. … eine Domäne verändern oder eine neue begründen … das bedeutet: Kultur verändern. Kreativität findet dann statt, wenn Kultur verändert oder erneuert wird und ein kreativer Mensch ist …

Kreativität ist bei weitem nicht begrenzt auf die schönen Künste an die dann doch meist als erstes gedacht wird. Kreativität die Kultur verändert findet statt in der Wissenschaft, in der Biologie, der Physik, der Chemie, findet statt in der Politik, in der Wirtschaft.

Bin ich kreativ?

Bin ich kreativ aufgrund der Tatsache, dass ich schreibe oder Musik mache? Oder weil ich mir mal hier und da eine Methode ausgedacht habe? Bin ich kreativ weil ich ein Händchen habe für Inneneinrichtung und Dekoration? Oder weil ich male? Oder weil ich Designer_in bin? Oder weil …?

Die Definition von Csikszentmihaly stützt sich auf sein Systemmodell, welches Kreativität nicht nur als herausragende Eigenschaft eines Individuums versteht, sondern eben als System: damit eine Idee Wirkung zeigen kann braucht sie das Wissen der entsprechenden Domäne – des Fachgebietes – , die Anerkennung des jeweiligen Feldes – jener, die das Fachgebiet beschützen – und das Individuum, welches innerhalb der Domäne alles durcheinander bringt durch eine neue Idee.  Somit ist Kreativität nur in den Wechselbeziehungen eines Systems wahrnehmbar. Prof. Peter Kruse sieht das ähnlich. Das mit dem System. Für ihn ist Kreativität ein systemischer Prozess. Und was wir  können ist, systemische Rahmenbedingungen schaffen in denen Kreativität erscheint. Indirekte Möglichkeitsräume. Und immer geht es dabei darum Spannungsverhältnissen herzustellen. Erregung und Instabilität definiert er als Auslöser für Kreativität.

Neues entsteht also aus Widerspruch, nicht aus Harmonie.

Gut, aber was ist nun mit diesen kreativen Persönlichkeiten? Diesen Spinnern und Störern die es doch braucht um all diese Erneuerungen zu iniziieren? (Nach Kruse ist der einzelne Kreative, oder der Künstler, einer, der durch einen biographischen Unfall die Schmerzen (der internen Spannung und Instabilität) so gut erträgt, dass er kreativ wird.)

Dieses Spannungsverhältnis findet sich schon in der etymologischen Herleitung von Kreativität (die Nicole Gugger in ihrem Eröffnungsbeitrag beschreibt). Kurz: Kreativität geht auf das lateinische Wort „creare“ zurück, was so viel bedeutet wie „etwas neu schöpfen, etwas erfinden, etwas erzeugen, herstellen“, aber auch die Nebenbedeutung von „auswählen“ hat. Der Begriff enthält als weitere Wurzel das lateinische „crescere“, das „geschehen und wachsen“ bedeutet.

Diese Doppelgesichtigkeit zeigt sich ebenfalls in den Aufzählung der Wesensmerkmale kreativer Persönlichkeiten (sowohl nach Mihaly Csikszentmihalyi, als auch nach Holm-Hadulla**) beispielsweise im Verhältnis von pysischer Energie und Ruhe / Entspannung. Sie (die Kreativen) arbeiten mit höchster Konzentration, machen Überstunden und strahlen gleichzeitig eine eine Aura der Frische und Begeisterung aus. Oder in der Verbindung von Disziplin und Verantwortungsgefühl und dem Spielerischen, der Ungebundenheit. Ebenso vereinen sie so offenbar gegensätzliche Tendenzen wie Extraversion und Intraversion (um nur einige zu nennen).

Die kreative Persönlichkeit trägt diese Spannung, diese Doppelgesichtigkeit also in sich. Das kann sich nach Schmerz und nach innerem Zerreißen anhören – oder nach Vielheit.

Wenn ich mit einem Wort zusammen fassen sollte, was ihre Persönlichkeit von anderen unterscheidet, so wäre es Komplexität. Damit meine ich, dass sie Denk – und Handlungstendenzen zeigen, die bei den meisten Menschen getrennt sind: Kreative Personen vereinen widersprüchliche Extreme in sich – sie bilden keine individuelle „Einheit“, sondern eine individuelle „Vielheit“. Wie die Farbe Weiß, die alle Nuancen des Spektrums enthält neigen sie dazu, das gesamte Spektrum menschlicher Möglichkeiten in sich zu vereinen. (Mihaly Csikszentmihalyi)*

Meiner Erfahrung nach finden die meisten Konflikte der Kreativen eher in der Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld statt, welches eben mit dieser Vielheit, dieser Ungreifbar- und Uneinschätzbarkeit,  diesen Extremen nicht immer gut umgehen kann.

Und noch einmal die Frage: Bin ich kreativ? Trage ich diese Vielheit, diese Komplexität, dieses ungeheuere Spannungsfeld in mir?

Um gegen Ende dieses Beitrags noch ein wenig versöhnlich zu werden: Stellen Sie sich mal vor wir alle wären kreative Persönlichkeiten und würden tagtäglich aufeinander treffen? Stellen Sie sich mal vor es würde keine Bewahrer_inn_en mehr geben die das angehäufte Wissen eines Fachgebietes bis in seine tiefsten Tiefen kennen? Die es bewahren und so lange gegen Veränderungen und Erneuerungen verteidigen bis diese auf Herz und Nieren geprüft sind? Stellen Sie sich vor es gäbe keine Musiker_innen mehr die uns immer wieder den Genuss jahrhundertealter Musik bescheren? Stellen Sie sich das mal vor.

Und stellen Sie sich mal vor, der Kontext in dem Veränderung stattfindet ist nicht gleich die ganze Kultur, sondern ihr Leben, ihr Wirken. Dann wird es schon wieder leichter. Doch findet auch hier erst das Neue statt, wenn unser (Um)Feld diese Veränderungen wahrnimmt. Wir brauchen also immer das Feedback der anderen, das Feld, welches uns spiegelt und uns, bzw. unsere Leistungen innerhalb der entsprechenden Domäne bewertet.

Bin ich kreativ? Sind Sie kreativ? Muss das denn sein? Immer?

Können wir nicht einfach alle das was wir tun, ganz gleich ob wir im Bereich der Künste und Kreativwirtschaft oder sonst wo unterwegs sind, gerne tun? Mit Hingabe tun? Gut tun? Können wir nicht einfach immer wieder gute Ideen und Lösungen für unsere Kunden haben? Können wir uns nicht einfach erfreuen am Gestalten, am Schreiben, am Zeichnen?  Und können wir nicht dieses ganze Wissen um kreative Persönlichkeiten und Kreativität als System nutzen um selbst daran zu wachsen? Unsere Komplexität erhöhen? Und uns an dieser Entwicklung freuen?

Und ab und an, da passiert dann etwas ganz Großes, etwas, das die Welt wie wir sie bisher kannten verändert, das alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Und dann, dann können wir staunen und uns freuen Zeugen dieses Neuen zu sein.

Und wer weiß, vielleicht sind Sie ja Urheber_in dieses Momentes. Kreativ.

Tanja Ries

*S.48 Kreativität – Wie Sie das unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden (Mihaly Csikszentmihalyi)

**Holm-Hadulla „Kreativität – Konzept und Lebensstil“

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