Wie ich lernte meine Komfortzone zu lieben, oder: ein Hoch auf die Sicherheit

Liebe Leser*innen,

vielleicht mag der Titel dieses Artikels Sie erstaunen, zumal von mir, die ich Entwicklung, Lernen und Herausforderungen als zentrale Themen und Werte in meinem Leben begreife. Und ja, genau diese finden auf jeden Fall außerhalb der sogenannten Komfortzone statt.  Aber mal ganz im Vertrauen: ich kann es echt nicht mehr hören, besser: lesen. Diese ganzen Artikel die uns permanent auffordern unsere Komfortzoone zu verlassen, die uns Tipps und Tricks anbieten wie wir dieses „Verlassen“ auch schaffen und die uns den sicheren Tod garantieren wenn wir dies nicht tun. Die Komfortzone = das Böse. Und dabei stellt sie doch unsere Homebase dar, der Ort, der es uns ermöglicht uns zu entspannen und aufzutanken. Ein Ort der Sicherheit.

Und ist es nicht so, dass wir erst dann mutig sein können wenn wir mit einem gehörigen Maß an Sicherheit und (Selbst)Vertrauen ausgestattet sind?

Erinnern Sie sich doch einmal an das letzte gelungene und freudige Lernerlebnis? Oder die letzte Herausforderung die Sie erfolgreich bewältigt haben? Wie war das? In welchem Bereich ihres Lebens fand diese Erfahrung statt? In welchem Bereich ihres Könnens oder ihrer Interessen? Wer war bei Ihnen? Haben Sie sich vorbereitet? Und wenn ja, wie?

(An dieser Stelle macht es durchaus Sinn kurz innezuhalten, oder gar Stift und Papier hinzuzuziehen um diese Fragen für sich zu beantworten.)

Ein Kind, das mutig zum ersten Mal auf einen Baum klettert tut das nicht einfach so. Es tut das – und wir gehen hier jetzt von optimalen Bedinungen aus – weil es sich zutraut diese Herausforderung zu bewältigen. Dieses „sich zu trauen“ entspringt in der Regel dem Vertrauen (in die eigenen Fähigkeiten) welches andere, z.B. die Eltern, dem Kind entgegengebracht haben. Es entspringt vergleichbaren Erfahrungen wie z.B. Klettererlebnissen auf einem Gerüst auf dem Spielplatz, welches zwar nicht ganz so hoch war, aber: es hat geklappt. Oder es entspringt dem Wissen: ich bin nicht allein und mir wird geholfen, wenn ich Hilfe brauche. Es entspringt einem Gefühl für die Kraft des eigenen Körpers.

Ein Kind, das einfach so „über“mütig auf den höchstens Baum hinauf klettert und nacher weinend und in voller Panik ganz oben sitzt und nicht mehr runterkommt, das hat zwar seine Komfortzone verlassen, aber bestimmt kein gelungenes Lernerlebnis oder gar eine Herausforderung gemeistert. Es hat Stress.

(Selbst)Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit sind Vorraussetzung um gute Erlebnisse, Hochgefühle außerhalb unserer Komfortzone zu erleben.

Macht es da nicht Sinn unsere Komfortzone lieben, und vor allem, kennen- und benennen zu lernen? Und ist es nicht so, dass viele von uns eher ein „zu wenig“ an (Selbst)Vertrauen und (Innerer) Sicherheit verspüren? Ist denn dann nicht der erste Schritt auf dem „Weg nach draußen“ der, das (Selbst)Vertrauen und die (innerer)Sicherheit zu stärken? Zu wissen, auf was wir uns verlassen können? Und in welchen Bereichen wir dazu in der Lage sind diesen mutigen Schritt ins Neue auf ein lustvolle und, im positiven Sinne, aufregende Art und Weise zu tun?

Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ drei Ebenen in denen dieses Vertrauen entwickelt werden kann (er schreibt: „in der Kindheit entwickelt werden muss.“ Aber es läuft eben nicht immer alles so, wie es perfekterweise sollte, und wenn nicht, dann holen wir das eben nach).

1. als Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Bewältigung von Problemen

2. als Vertrauen in die Lösbarkeit schwieriger Situationen gemeinsam mit anderen Menschen

3. als Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Welt und das eigene Geborgen-und Gehaltensein in der Welt.

Ähnliches finden wir auch in den Vorraussetzungen für (aktive) Flow-Erlebnisse welche immer das Bewältigen von Herausforderungen/Lernen/sich weiter entwickeln meinen.

Lernen Sie doch einfach ihre Komfortzone kennen und lieben. 

Die Beantwortung der nachfolgenden Fragen kann sie darin unterstützen.

1. Was sind ihre grössten Stärken und Fähigkeiten?

2. Welche erfolgreichen Strategien verwenden Sie bei Probelmlösungen?

3. Wer hat Sie schon unterstützt? Was sind das für Menschen?

4. Was für Rahmenbedingungen tun Ihnen gut? Wann fühlen Sie sich wohl?

5. Was löst in Ihnen ein Gefühl von Geborgenheit aus? (Kleine Anmerkung: Und nehmen sie hier ruhig den Anblick des Meeres oder den Duft von Apfelkuchen mit hinzu anstatt dieses Gefühl ausschließlich an einen Menschen zu binden.)

6. Was macht für Sie Sinn? Was sind die Werte die Sie tragen und motivieren?

Und wenn Sie nun das nächste Mal ihre geliebte Komfortzone verlassen, dann nehmen Sie doch einfach das ein oder andere (aus der Beantwortung dieser Fragen) mit. Ob das nun das tiefe Wissen darum ist, dass Sie sich bei dem „Neuen“ in ihren Stärkenbereichen aufhalten oder ob Sie ihre Lieblingsschuhe tragen, die Ihnen ein gutes Gefühl geben, ob Sie ihren besten Freund, oder zumindest dessen Zuspruch, mitnehmen, oder immer wieder mal kurz die Augen schließen um sich das beruhigende Rauschen, die Weite und den Duft des Meeres zu vergegenwärtigen – das ist eigentlich gleich(wertig).

 

Eine Anekdote zum Abschluss

Ende letzten Jahres hatte ich, heute kann ich sagen, das große Glück, für zehn Tage Teil eines Fachaustausches in Sao Paulo zu sein. Im Vorfeld wusste mein Kopf, dass dies eine tolle Chance, eine Geschenk, eine außergewöhnliche Möglichkeit ist, aber ich – ich hatte Panik. Reisen ist alles andere als Routine für mich (ich bin eher bekannt dafür meinen Bezirk nicht zu verlassen), ich kannte die Sprache nicht, ich bin noch nie so lange geflogen und hatte keine Ahnung wie mein süchtiges Raucher-Ich das findet und, am allerschlimmsten, mir war meine Aufgabe nicht klar. Ich begann schon mich bei Gedanken wie „Das ist doch ein bißchen viel Stress so kurz vor Jahresende, ich muss ja auch noch Weihnachten vorbereiten und so“ oder „Ob ich mir das wirklich leisten kann (es ging um einen lächerlichen Betrag an Selbstbeteiligung)“ zu ertappen.

Die Coachess in mir hat sich dann hingesetzt und die ein oder andere Übung gemacht um zu forschen wie ich mich sichern kann. Herausgekommen ist ein Gespräch mit der leitenden Kollegin, bei der ich mir die Zusage abholte, nicht jede Nacht in einen Club gehen zu müssen sondern gesetzt den Abend auf der Dachterasse verbringen zu können, herausgekommen ist, dass ich meinen Koffer so gepackt habe, dass ich passende Outfits für jede Gelegenheit bei mir hatte und ein Beautycase welches mir das Gefühl von Luxus verlieh – und das alles noch als leichtes Gespäck. Meine Cheffin hat durch Sätze wie: „Wenn du da (= berufliche Perspektive) hin willst, solltest du das zumindest mal gesehen haben“, das ihre beigetragen.

Ich bin also losgeflogen, und alles verlief ganz gut. Richtig großartig wurde es jedoch ab dem zweiten Tag. Da fand unser erstes Fachgespräch mit unseren Partnern statt und es hat „Klick“ gemacht. Ich befand mich gleichzeitig in mehreren meiner Stärkenbereiche wie z.B. Kommunikation, Ideensammlerin usw., war mit Kernthemen/Werten wie Lernen, Entwicklung, die Welt verbessern, neue Wege gehen und Flow beschäftigt und bekam von meinem Umfeld noch das Geschenk der Leichtigkeit. Perfekt.

Ich hatte also meine Komfortzone verlassen. Richtig weit (und das nicht nur im übertragenen Sinne). Meine entscheidenden Schritte hierzu waren mich über Rahmenbedinungen und Unterstützung von Freunden zu sichern – ja, auch ein Beautycase kann helfen – um dann in meinem Stärkenbereich die wirklich großen Schritte zu tun.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, viel Freude beim Sichern und Vertrauen und – seien Sie ruhig nett zu ihrer Komforzoone.

Tanja

P.S. Zuviel Stress garantiert im übrigen auch den sicheren Tod. Sowie das Verharren in der Komfortzone. Es geht als um das Maß, um den schmalen Grad zwischen Über- und Unterforderung. Den Flow.

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